Friedensnobelpreis 1949: John Boyd-Orr


Friedensnobelpreis 1949: John Boyd-Orr
Friedensnobelpreis 1949: John Boyd-Orr
 
Sir John Boyd-Orr wurde für seine Verdienste als Ernährungswissenschaftler und Sozialmediziner sowie als einer der Initiatoren der Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen ausgezeichnet.
 
 
Sir (seit 1935) John Boyd-Orr, Baron of Brechin-Mearns (seit 1949), * Kilmaurs (North Ayrshire) 23. 9. 1880, ✝ Newton (bei Brechin) 25. 6. 1971; britischer Mediziner und Ernährungsexperte, 1914-45 (mit Unterbrechungen) Direktor des Instituts für Tierernährung an der University of Aberdeen, ab 1942 Professor für Landwirtschaft in Aberdeen, 1945-48 erster Generaldirektor der FAO.
 
 Würdigung der preisgekrönten Leistung
 
Die Sorge um das tägliche Brot, Fehl- und Mangelernährung und immer wieder auch verheerende Hungersnöte haben die Menschheit in ihrer gesamten Geschichte begleitet. Noch im 20. Jahrhundert ist es in vielen Ländern zu lang andauernden Engpässen in der Nahrungsmittelversorgung mit katastrophalen Folgen gekommen, wie 1928/29, als in China über drei Millionen Menschen verhungerten, oder vier Jahre später bei der großen Hungersnot in der früheren Sowjetunion, die schätzungsweise acht Millionen Todesopfer forderte. Angesichts solcher Tragödien ist es erstaunlich, dass sich erst seit etwa einem halben Jahrhundert eine Weltorganisation mit den Ernährungsproblemen der Menschheit beschäftigt. Sir John Boyd-Orr war an der Gründung dieser Organisation, der Food and Agriculture Organization (FAO), maßgeblich beteiligt und hat die seit 1947 ins UN-System eingebettete internationale Vereinigung in den ersten Jahren als Generaldirektor geleitet. Vor allem dafür erhielt der Sohn eines schottischen Steinbruchbesitzers 1949 den Friedensnobelpreis.
 
Genauso erstaunlich waren die Ergebnisse einer Untersuchung, die der 1935 wegen seiner wissenschaftlichen Verdienste zum Ritter geschlagene Ernährungsexperte in dem Buch »Ernährung, Gesundheit und Einkommen« (1936) veröffentlichte. Danach verdiente annähernd die Hälfte aller Briten zu wenig, um sich ausreichend und gesund ernähren zu können, ungefähr ein Zehntel galt sogar als unterernährt. Wenn schon im Vereinigten Königreich, einem der reichsten Länder der Welt, die Ernährungssituation mehr als unbefriedigend war, wie verbreitet mussten dann erst Fehl- und Mangelernährung in den armen Staaten sein!
 
 Der Vater der Schulmilch
 
Welche Folgen eine unzureichende Ernährung für die Gesundheit hat, wird bereits in den Büchern erläutert, die John Boyd-Orr seit dem Ende der 1920er-Jahre verfasste, etwa in der Studie, die sich mit dem Zusammenhang von Milchverbrauch und dem Wachstum von Schulkindern beschäftigt, in den Werken »Ernährung und Krankheit«, »Ernährung, Gesundheit und Landwirtschaft« sowie etlichen anderen. Seine Vorschläge wurden in der britischen Öffentlichkeit mit Interesse aufgenommen und teilweise umgesetzt, unter anderem durch eine geschickte Ernährungspolitik während des Zweiten Weltkriegs, den die Briten weitaus besser überstanden als ihre Nachbarn auf dem europäischen Festland; oder durch die Einführung der Schulmilch in einer Zeit, in der es nicht selbstverständlich war, dass Kinder Milch trinken sollen.
 
Eigentlich hatte die wissenschaftliche Karriere John Boyd-Orrs nach kurzer Tätigkeit als Religionslehrer und Arzt bei den Quellen der Milch begonnen. Sein Spezialgebiet war zunächst nämlich nicht die Ernährung der Menschen, sondern die der Tiere, und auf diesem Gebiet untersuchte er beispielsweise den Einfluss des Weidelands auf den Milchertrag und die Qualität der Milch. Das Institut für Tierernährung, das er ab 1914 im schottischem Aberdeen praktisch aus dem Nichts schuf, gehörte bald zu den renommiertesten Forschungseinrichtungen dieser Art in Europa. Nach und nach verlagerte sich sein Interesse jedoch auf die menschliche Ernährung, spätestens seit seinem Aufenthalt in Afrika (1925), bei dem er die Ernährungsgewohnheiten einheimischer Völker studiert und typische Mangelerscheinungen entdeckt hatte, die insbesondere auf eine unzureichende Versorgung mit Eiweißstoffen zurückgingen. Solche Krankheitsbilder waren ihm auch aus den Slums von Glasgow, in denen er einige Jahre als Lehrer gearbeitet hatte, wohl vertraut. Und wahrscheinlich hat gerade die Zeit in den Elendsvierteln der großen Stadt am Clyde John Boyd-Orr am stärksten geprägt, ihn dazu angeregt, sich der Lösung der Ernährungsprobleme unterprivilegierter Menschen zu widmen.
 
 Befreiung von Not und Armut
 
Abgesehen von den persönlichen Leiden der Betroffenen ist der Hunger auch ein wichtiger politischer Faktor, denn — wie es Sir John mit eigenen Worten ausdrückte — »es wird so lange keinen Frieden in der Welt geben, so lange einem großen Teil der Bevölkerung das Allernotwendigste zum Leben fehlt und die Menschen glauben, sie könnten es durch einen Wechsel des politischen und wirtschaftlichen Systems erreichen. Der Weltfrieden muss auf dem gemeinsamen Wohlstand in der Welt aufgebaut werden.« So wird der Kampf gegen den Hunger zur Friedensarbeit. Auf internationaler Ebene setzte sich John Boyd-Orr ab den 1930er-Jahren als Mitglied des Ausschusses für Ernährungsfragen des Völkerbunds für die Gründung einer Welternährungsorganisation ein, doch die ohnmächtige Staatengemeinschaft konnte auch diesen Plan nicht verwirklichen.
 
Auf einer Konferenz, die im Frühjahr 1943 unter dem von US-Präsident Franklin D. Roosevelt formulierten Motto »Freedom from Want« (Befreiung vom Elend) in Hot Springs (Arkansas) stattfand, kam der Plan einer Welternährungsorganisation erneut auf den Verhandlungstisch. Im Herbst 1945 wurde sie als Food and Agriculture Organization im kanadischen Quebec gegründet und John Boyd-Orr zum ersten Generaldirektor gewählt. Für ihn war die Gründung der FAO ein Meilenstein auf dem Weg zu einer besseren Welt, und er ging mit großer Begeisterung an seine neue Arbeit. Zu den wichtigsten Erfolgen der jungen Organisation gehörte die Einrichtung eines Gremiums, das die Verteilung der knappen Lebensmittel überwachte und so schwerere Hungersnöte in den ersten Jahren der Nachkriegszeit verhinderte. Mit seiner Forderung nach der Einrichtung einer mit weitgehenden Befugnissen ausgestatteten Welternährungsbehörde konnte sich Sir John nicht durchsetzen; es blieb beim später gegründeten Welternährungsrat, der lediglich berät und Hilfsaktionen koordiniert. John Boyd-Orr war enttäuscht, trat von seinem Amt zurück und setzte sich in den letzten Lebensjahren nur noch als Präsident verschiedener Friedensbewegungen für den Weltfrieden ein. Die von ihm mitbegründete Welternährungsorganisation leistet bis heute wertvolle Arbeit in vielen Ländern der Erde, umfasst mittlerweile rund 180 Mitgliedsstaaten und hat mehr als 4300 hauptberufliche Mitarbeiter, die zahlreiche alte und neue Aufgaben bewältigen müssen, etwa die schwere Ernährungskrise in Ostafrika, wo derzeit fast 20 Millionen Menschen unter Nahrungsmangel leiden, der Hunger bereits zahlreiche Todesopfer gefordert hat und weitere drei Millionen Menschen akut vom Hungertod bedroht sind.
 
P. Göbel

Universal-Lexikon. 2012.

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